|
Rede
von Häupling SeattleEinst waren die Landschaften Nordamerikas
eine wundervolle Vielfalt von schneebedeckten Gebirgen, grünen Prärien,
endlosen Kurzgrassteppen, braunen sonnenverbrannten Dornstrauchsavannen, Wüsten
und moderig riechenden Dschungeln. Vom Missouri bis zu den
Rocky Mountains und von Kanada bis nach Mexiko erstreckten sich die Great Plains
- ein Meer aus Gras, so grenzenlos wie der Himmel, der sich darüber wölbt.
Dies war einst das Land der Büffel. Millionen und Abermillionen Bisons zogen
wie Wolkenschatten über die Ebenen. Und es war auch Indianerland mit vielen
Stämmen, die alle vom gleichen leidenschaftlichen Stolz eines Volkes geprägt
waren, das seit undenklichen Zeiten dieses weite Land durchstreifte, frei wie
der Wind, der darüber wehte. Der Bison gab ihnen Nahrung
- frisches Fleisch im Sommer, gedörrtes oder zerstoßenes und mit getrockneten
Beeren vermischtes im Winter. Er gab ihnen auch das Tipi, ein kegelförmiges
Stangenzelt aus Büffelhaut, das so geräumig war, dass eine große
Familie bequem darin wohnen konnte, warme Mäntel zum Schutz gegen die eisigen
Winterstürme, Hemden, Kleider und Mokassins, die sie mit Fransen besetzten
und mit bunten Perlen und Stachelschweinborsten verzierten, Sehnen zum Nähen
und zum Bespannen ihrer Bogen. Und der Bison war ihr religiöses Symbol. Für
die Indianer waren die Tiere und Pflanzen alle Kinder ihrer gemeinsamen Mutter
Erde, und alle hatten das gleiche Recht zu leben. Die Tiere gaben den Menschen,
was sie zum Leben brauchten, aber nie wurden sie mutwillig getötet, immer
baten die Indianer im Ritual um die Einwilligung der Tiere, wenn sie getötet
werden mußten. Auch das Land war ihnen heilig und durfte nicht entweiht
werden, denn es war ihrer aller Mutter. Die Indianer sahen sich zusammen
mit dem Land und allen Formen des Lebens als ein Teil eines einzigen lebenden
Ganzen. Im Jahr 1600 lebten schätzungsweise 1,5 bis 5 Millionen Indianer
in Nordamerika.
Im Jahr 1608 landeten im heutigen Virginia
mehrere Schiffe mit englischen Kolonisten, die im Auftrag einer Londoner Handelsgesellschaft
in Amerika Fuß fassen sollten. An der Mündung des James River gründeten
sie Jamestown, die erste dauerhafte englische Kolonie in Nordamerika. Captain
John Smith und seine Begleiter wurden von den dort lebenden Algonkin Indianern
freundlich empfangen und fürstlich bewirtet. Smith bestand auf einer
Maislieferung, und es gelang ihm, diese im Tausch gegen einen Kupferkessel zu
bekommen. Häuptling Powhatan, der außerordentlich freigebig war, gab
Captain Smith bereitwillig einen ganzen Landstrich dazu, als dieser ihm für
das kommende Jahr weitere Handelswaren versprach. Fast die
Hälfte der neunhundert Jamestown Kolonisten erlag den harten Lebensbedingungen.
Ohne die Hilfe der Indianer hätten auch die anderen nicht überlebt.
Da sie nicht wussten, wie man aus Baumstämmen Hütten baut, errichteten
sie Häuser aus Ruten und Lehm mit steilen Strohdächern. Doch diese waren
viel zu kalt, um darin zu wohnen. Ihr englischer Weizen, ihre Gerste und ihre
Erbsen waren nicht gediehen. Von den Indianern lernten sie
den Mais kennen und wie man ihn auf angehäufte Erde pflanzte, nachdem die
Pflanzstelle vorher mit Heringen gedüngt worden war, die Felder mit Seetang
zu düngen, den Anbau von Bohnen und Kürbisgemüse, wie man Muscheln
backt, einen Bohneneintopf in einer Vertiefung im Boden kocht und wie man im Fluß
mit Reusen Fische fängt. Und sie rauchten zum ersten Mal das merkwürdige
Kraut, das die Inidianer "Tobacco" nannten. Die Londoner
Handelsgesellschaft, die die Kolonie finanzierte, schickte Ersatz für die
gestorbenen Kolonisten. Die Neuankömmlinge hatten den Auftrag, für die
Gesellschafter auf irgendeine Weise Gewinne zu machen. Aber diese vertrieben die
Indianer von ihren Feldern, brannten ihre Dörfer nieder und ließen
die Gefangenen als Sklaven arbeiten. Tabak rauchen war inzwischen
in England Mode geworden. Aber die Tabakpflanzen laugten den Boden rasch aus,
und man brauchte bald neues Land. Die Indianer wurden weiter und weiter zurückgedrängt,
um Platz für große Pflanzungen zu schaffen. Überall entlang
der Küste strömten neue Siedler ins Land. Sie kauften den Indianern
das Land ab oder vertrieben sie einfach. Wenn sich Indianer
weigerten, ihr Land zu verlassen, das ihnen heilig war und auf dem die Gräber
ihrer Vorfahren lagen, wurde auch die Armee eingesetzt und es kam zu vielen grausamen
Massakern. Kopfgeldjäger erledigten ein Übriges. Pennsylvania
bot 1760 für jeden gefangenen Indianer 150 Dollar, für den Skalp eines
Indianers 134 Dollar für jede Frau oder einen Jungen unter 10 Jahre 130 Dollar
und für den Skalp einer Indianerin 50 Dollar. Berufsmäßige
Büffeljäger schlachteten in wenigen Jahren 7 Millionen Bisons ab. Sie
nahmen nur das Fell und die Zunge mit und ließen die Kadaver in der Sonne
verrotten. 1874 waren die letzten großen Herden ausgerottet. Die Indianer
streiften durch die Ebenen auf der Suche nach Büffeln und waren vom Hungertod
bedroht. Die Vernichtung der wichtigsten Nahrungsquelle der Indianer diente auch
dazu sie besiegen. Viele Tierarten starben durch Profitgier und die pure Lust
am Töten. Friedensverträge wurden immer wieder gebrochen,
Versprechen nicht gehalten wegen der Gier nach mehr Land und nach Gold, Silber
und Kohle, die in Indianerland gefunden wurden. Viele Indianer
starben an den Pocken, die der weiße Mann eingesschleppt hatte. Die letzten
Indianer wurden in Reservationen zurückgedrängt, die miserable Lebensbedingungen
boten. Dort erlagen viele dem Alkohol und starben mit gebrochenem Herzen.
Frei nach der Rede von Häuptling Seattle an den Gouverneur von Washington
(1854)Der große Häuptling in Washington sendet
Nachricht, dass er unser Land zu kaufen wünscht. Aber wie kann man die Erde
kaufen oder den Himmel? Diese Vorstellung ist uns fremd. Wenn wir die Frische
der Luft und das Glitzern des Wassers nicht besitzen, wie könnt ihr sie von
uns kaufen? Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig.
Jede glitzernde Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen
Wäldern, jede Lichtung, jedes summende Insekt ist heilig in den Gedanken
und Erfahrungen meines Volkes. Wir sind ein Teil der Erde
- und sie ist ein Teil von uns. Die duftenden Blumen sind unsere Schwestern, die
Rehe, das Pferd, der große Adler - sie sind unsere Brüder. Die felsigen
Höhen, die saftigen Wiesen, die Körperwärme der Ponies - und des
Menschen - sie alle gehören zur gleichen Familie. Wenn also der große
Häuptling in Washington uns Nachricht sendet, dass er unser Land zu kaufen
wünscht, so verlangt er viel von uns. Glänzendes
Wasser, das sich in Bächen und Flüssen bewegt, ist nicht nur Wasser,
sondern das Blut unserer Vorfahren. Wenn wir euch Land verkaufen, so müßt
ihr wissen, dass es heilig ist und dass jede flüchtige Spiegelung im klaren
Wasser der Seen von Ereignissen und Überlieferungen aus dem Leben meines Volkes
erzählt. Das Murmeln des Wassers ist die Stimme meiner Vorväter und
Vormütter. Die Flüsse sind unsere Brüder. Sie
stillen unseren Durst. Die Flüsse tragen unsere Kanus und nähren unsere
Kinder. Wenn wir unser Land verkaufen, so müßt ihr euch daran erinnern
und eure Kinder lehren. Die Flüsse sind unsere Brüder - und eure. Und
ihr müßt von nun an den Flüssen eure Güte geben, so wie jedem
anderen Bruder auch. Wir wissen, dass der weiße Mann
unsere Art nicht versteht. Ein Teil der Erde ist ihm gleich jedem anderen, denn
er ist ein Fremder, der kommt in der Nacht und nimmt von der Erde, was immer er
braucht. Der weiße Mann ist nie zufrieden, er will immer mehr. Die Erde
ist sein Bruder nicht, sondern Feind, und wenn er sie erobert hat, schreitet er
weiter. Er behandelt seine Mutter, die Erde und seinen Vater,
den Himmel, wie Dinge zum Kaufen und Plündern, zum Verkaufen wie Schafe oder
glänzende Perlen. Sein Hunger wird die Erde verschlingen und nichts zurücklassen
als die Wüste. Euer Gott ist nicht unser Gott. Wir sind
zwei verschiedene Rassen mit eigenen Ursprüngen und eigenem Schicksal. Es
gibt wenig Gemeinsamkeiten zwischen uns. Uns ist die Asche unserer Vorfahren heilig,
und ihre Ruhestätte ist heilige Erde. Ihr geht weit fort von den Gräbern
eurer Vorfahren und scheinbar ohne Bedauern. Eure Religion
wurde von dem eisernen Finger eures Gottes auf Steintafeln geschrieben, damit
ihr sie nicht vergessen könnt. Der rote Mann konnte sie nie verstehen und
auch nicht im Gedächtnis behalten. Unsere Religion sind die Überlieferungen
unserer Vorfahren - die Träume, die unsere alten Männer in den feierlichen
Stunden der Nacht von dem Großen Geist erhalten haben, und die Visionen
unserer Häuptlinge, und sie ist geschrieben in den Herzen unseres Volkes. Eure
Toten hören auf, euch und das Land ihrer Herkunft zu lieben, sobald sie durch
das Tor des Todes gehen und sich in der Weite jenseits der Sterne verlieren. Unsere
Toten vergessen nie die schöne Welt, die ihnen das Leben schenkte. Es
gibt keine Stille in den Städten der Weißen. Keinen Ort, um das Entfalten
der Blätter im Frühling zu hören oder das Summen der Insekten.
Was gibt es schon im Leben, wenn man nicht den einsamen Schrei des Ziegenmelkervogels
hören kann oder das Gestreite der Frösche am Teich bei Nacht. Ich bin
ein roter Mann und verstehe euch nicht. Der Indianer mag das sanfte Geräusch
des Windes, der über die Teichfläche streicht - und den Geruch des Windes,
gereinigt vom Mittagsregen oder schwer vom Duft der Kiefern. Die
Luft ist kostbar für den roten Mann, denn alle Dinge teilen denselben Atem:
das Tier, der Baum, der Mensch. Der weiße Mann scheint die Luft, die er
atmet, nicht zu bemerken. Wie ein Mensch, der seit vielen Tagen stirbt, ist er
abgestumpft gegen den Gestank. Das Ansinnen, unser Land zu verkaufen, werden
wir bedenken. Und wenn wir uns entschließen anzunehmen, so nur unter einer
Bedingung. Der weiße Mann muß die Tiere des Landes behandeln wie seine
Brüder. Was wäre der Mensch ohne die Tiere? Wären alle Tiere fort,
so stürbe der Mensch an großer Einsamkeit des Geistes. Was immer den
Tieren geschieht, geschieht bald auch den Menschen. Alle Dinge sind miteinander
verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne und Töchter
der Erde. Lehrt eure Kinder, was wir unsere Kinder lehrten: Die Erde ist unsere
Mutter. Die Erde gehört nicht den Menschen - der Mensch gehört zur Erde.
Alles ist miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie vereint. Das
Ansinnen des weißen Mannes, unser Land zu kaufen, werden wir bedenken. Aber
mein Volk fragt: Was denn will der weiße Mann kaufen? Wie kann man den Himmel
oder die Wärme der Erde kaufen, oder die Schnelligkeit der Antilope? Wie
können wir euch diese Dinge verkaufen, und wie könnt ihr sie kaufen? Für
mein Volk ist jedes Stück dieses Bodens heilig. Jeder Berg, jedes Tal, jede
Ebene und jeder Wald ist heilig geworden durch ein trauriges oder glückliches
Ereignis in vergangener Zeit. Sogar die Steine, die stumm und leblos erscheinen,
wenn sie an der stillen Küste in der Sonne schwitzen, erinnern uns an bewegende
Ereignisse, die mit unserem Volk verbunden sind. Der Boden, auf dem ihr jetzt
steht, nimmt unsere Schritte liebevoller auf als eure, weil er satt ist vom Blut
unserer Ahnen, und unsere bloßen Füße spüren die wohlwollende
Berührung. Wir wissen: Wenn wir nicht verkaufen, kommt
der weiße Mann mit Waffen und nimmt sich unser Land. Tag und Nacht können
nicht beisammen wohnen. Der Rote Mann ist immer vor dem herannahenden Weißen
Mann geflohen, wie der Morgennebel vor der Morgensonne flieht. Ich denke, dass
mein Volk euren Vorschlag annehmen wird und sich in die Reservation zurückziehen
wird, die ihr uns anbietet. Dann werden wir jeder für sich in Frieden leben. Euer
Volk ist zahlreich wie das Gras, das die weiten Prärien bedeckt. Unser Volk
besteht aus Wenigen und gleicht den vereinzelten Bäumen auf einer sturmgepeitschten
Ebene. Es spielt kaum eine Rolle, wo wir den Rest unserer Tage verbringen. Es
werden nicht viele sein. Noch einige Monde, ein paar Winter - und keiner der Nachkommen
der großen Scharen, die einst unter dem Schutz des Großen Geistes
über dieses weite Land gezogen sind, wird noch übrig sein, um über
den Tod eines Volkes zu trauern, das einmal mächtiger und hoffnungsvoller
war als das eure. Auch die Weißen werden vergehen, eher
vielleicht als alle anderen Stämme. Fahret fort, euer Bett zu verseuchen,
und eines Tages werdet ihr im eigenen Abfall ersticken. Aber in eurem Untergang
werdet ihr hell strahlen, angefeuert von der Stärke des Gottes, der euch
in dieses Land brachte und euch bestimmte, über dieses Land und den roten
Menschen zu herrschen. Diese Bestimmung ist uns ein Rätsel. Wenn
die Büffel alle abgeschlachtet sind, die wilden Pferde gezähmt, die
heimlichen Winkel des Waldes schwer vom Geruch vieler Menschen, und der Anblick
reifer Hügel geschändet von redenden Drähten, werdet ihr fragen: Wo
ist das Dickicht? Verschwunden! Wo ist der Adler? Verschwunden!
Wo das Leben aufhört, fängt das Überleben an. Stämme und
Völker gehen wie die Wellen des Meeres. Es ist ein Gesetz der Natur und
darüber zu klagen ist sinnlos. Die Zeit des Untergangs des weißen
Mannes ist vielleicht fern, aber sie wird kommen, denn selbst der weiße
Mann kann nicht von unser aller Schicksal ausgenommen bleiben.
Nachdem
die Amerikaner die
Algonkin, Apachen, Arapaho, Cayuga, Cherokee, Chiricahua,
Creek, Cheyenne, Chickasaw, Choctaw, Comanchen, Delwaren, Hopi, Huronen, Irokesen,
Kiowa, Lakota, Minicojou, Mohawk, Mohave, Navaho, Oglala, Oneida, Onondaga, Osage,
Ottawa, Ojibwa, Shawnee, Seminolen, Seneca, Sioux, Susquehanna, Tuscarora, Potawatomi,
Powhatan...
ausgerottet oder in Reservate gesperrt hatten, stellt sich die
Frage, was hat sich heute geändert? Die Antwort ist ernüchternd:
Bis heute hat der weiße Mann nichts dazugelernt! Die
letzten Urwälder der Erde verschwinden mit rasanter Geschwindigkeit. Und
überall dort sind auch die indigenen Völker bedroht, die seit Jahrtausenden
vom Wald leben ohne ihn zu zerstören. Sie betreiben Wanderfeldbau auf wenigen
Hektar großen Äckern. Diese Menschen haben mehr Kenntnisse über den
Wald als alle Naturwissenschaftler zusammen, denn sie leben in ihm und von ihm,
sie sind ein Teil davon. In Venezuela wird der Lebensraum
der Yanomami Indianer von Goldsuchern bedroht, die die Flüsse mit Quecksilber
vergiften und Krankheiten einschleppen, die es dort vorher nicht gab. In den Anden
von Chile kämpfen die Mapuche Indianer gegen das Abholzen der letzten Urwälder.
Auf Borneo verwandeln mächtige Holzkonzerne den Regenwald in Wüste.
In Afrika sind es die Pygmäen, deren Lebensgrundlage vernichtet wird. Im
Amazonas Becken frißt die Brandrodung den Wald auf. Hier leben hunderte
von eingeborenen Völkern. Ehemals regenwaldreiche Länder
wie Indien, Bangladesh, Haiti und Sri Lanka haben bereits heute keine ursprünglichen
Wälder mehr. Siehe auch: Fotosammlung
Urwald, Amazonas Indianer Buchtipp: Tapfer ist mein Volk, Unsterbliche
Indianer Häuptlinge von Frank Waters, Knaur Verlag Filmtipp: Der
mit dem Wolf tanzt
Rückfragen bitte an Karl
Wehrens
|